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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Anette Kramme

Anette Kramme

Florian Russi

„Daheim statt Heim“ und viele andere soziale Anliegen

Anette Kramme
Anette Kramme

Mit den Worten: „Guten Morgen, meine Herren", pflegte ihr Professor an der Universität in Bayreuth seine Vorlesungen zu beginnen. Weibliche Juristinnen hielt er - das war noch in den 1980-er Jahren - für suspekt. Seine Einstellung zu Frauen ließ er auch bei Prüfungen erkennen und forderte damit den Kampfgeist der Studentin Anette Kramme heraus. Die in Essen geborene Tochter eines Kulturbeamten war 1987 von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) ein Studienplatz in Bayreuth zugesprochen worden. So zog sie in die ihr bis dahin unbekannte Stadt und ist ihr bis heute treu und verbunden geblieben. Sie engagierte sich in der Hochschulgruppe der Jungsozialisten sowie in der studentischen Selbstverwaltung und wurde zu einer der drei Vorsitzenden der Studentenvertretung an der Universität gewählt. Die junge, engagierte und kompetent auftretende Frau fiel auf und geriet auch ins Blickfeld des sozialdemokratischen Frontmannes Ludwig Stiegler. Dieser hochgebildete und streitlustige Mann war viele Jahre bayrischer SPD-Landesvorsitzender, saß für die  SPD im Deutschen Bundestag, und war auch einige Monate deren Fraktionsvorsitzender. Kramme teilte nicht immer seine Meinungen, aber er respektierte und unterstützte sie.

Noch als Studentin trat Kramme in die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV) - heute Verdi - ein und gründete nach ihrem zweiten Staatsexamen 1997 in Bayreuth eine eigene Rechtsanwaltskanzlei, die sich ausdrücklich auf Arbeitsrecht für Arbeitnehmer/innen und Familienrecht spezialisierte. Dieser Kanzlei, die inzwischen den Namen „Kramme, Günther & Kollegen" trägt, gehört sie bis heute an. 

In die Politik ging sie ohne Karrierevorstellungen. Was sie antrieb waren eher Neugierde und ein starker Gestaltungswille. Bei den bayrischen Jungsozialisten wurde sie Stellvertretende Landesvorsitzende, zugleich trat sie auch der SPD bei und wurde in kurzer Folge Vorsitzende ihres Ortsverbandes, Mitglied des Landesvorstandes und Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Bayreuth. 1998 wurde sie erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Bis heute (Dezember 2015) gehört sie diesem Gremium an und engagiert sich vor allem in der Arbeits- und Sozialpolitik.     

2013 wurde sie zur Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales berufen. Dort ist sie vor allem für das Thema „Zukunft der Arbeit" verantwortlich. Intensiv beschäftigt sie sich mit den Problemen, welche die wissenschaftlich-technischen Wandlungen in unserer Gesellschaft für die Arbeitswelt mit sich bringen. Ersetzen die heutigen Informationstechnologien immer mehr Arbeitskräfte? Werden dadurch immer weniger menschliche Arbeitskräfte gebraucht - mit der Folge steigender Arbeitslosigkeit? Bringen die technischen Rationalisierungen nicht auch Vorteile, da die deutsche Bevölkerung in den kommenden Jahren merklich schrumpfen wird? Entwickeln sich neue Beschäftigungsfelder und Berufe? Wie müssen wir uns darauf einstellen? 

Anette Kramme mit Hündin „Alli"
Anette Kramme mit Hündin „Alli"

Man kann sich vorstellen, dass Anette Kramme mit diesen Aufgaben voll ausgelastet ist. Daneben engagiert sie sich aber auch noch ehrenamtlich als Präsidentin der Vereinigung „Daheim statt Heim". Diese Organisation, der viele Prominente des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens angehören, hat sich zum Ziel gesetzt, den älteren Menschen in Deutschland zu ermöglichen, ein Leben lang in ihrer privaten und heimischen Umgebung wohnen zu können. Außerdem ist Kramme im Tierschutz tätig und unterstützt unter anderem ein von einem deutschen Biologen geleitetes Tierheim in Bulgarien. Aus diesem Land stammt auch ihre Hündin „Alli", die, wie so viele Straßenhunde, einen traurigen Lebensweg hinter sich hat. Sie wurde sogar von Menschen angeschossen. Bis heute stecken in ihrem Körper mehrere Schrotkugeln, die von Tierärzten nicht entfernt werden können.

„Alli" hatte trotzdem Glück. Sie wurde nach Deutschland gebracht und von Frau Krammes in Bayreuth lebendem Vater aufgenommen und ins Herz geschlossen. Doch der Vater starb schon wenige Monate später. Die Tochter stand plötzlich vor einem Problem. Als Staatssekretärin muss sie viel unterwegs sein und als Bundestagsabgeordnete sich einen großen Teil des Jahres in Berlin aufhalten.

Anette Kramme mit Hund beim Motorradfahren
Anette Kramme mit Hund beim Motorradfahren

Tierliebhaber wird freuen, was sie getan hat. Sie nahm die auffallend brave Hündin zu sich und zog innerhalb Berlins um in eine neue Wohnung in die Nähe einer Freundin. Die kümmert sich um „Alli" wenn deren Frauchen mal wieder unterwegs oder sonst wie dienstlich verhindert ist. Da ich mit dieser Freundin gut bekannt und auch ein Tierfreund bin, habe ich mich mehrmals miterleben können, dass „Alli" heute ein glückliches Leben führt.

Ihr Frauchen aber ist weiterhin politisch tätig und zurzeit zusätzlich mit den drängenden Problemen der Flüchtlingseinwanderungen befasst. Doch ihr Privatleben soll dabei nicht zu kurz kommen. Wann immer sie Zeit findet, trifft und bespricht sie sich mit Freunden und Bekannten, liest vor allem Kriminalromane, geht mit ihrem Hund spazieren, fotografiert Blumen und Naturschönheiten, fährt Motorrad oder plant Reisen in ferne Länder. Doch zum längeren Reisen wird sie in den nächsten Jahren wohl nicht kommen. 

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Bildquellen: privat