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Arno Pielenz
Kennst du Heinrich von Kleist?

"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss.

Ein Tragödienauftakt in der Ehrenburg in Coburg

Ein Tragödienauftakt in der Ehrenburg in Coburg

Hans-Joachim Böttcher

In den hochadeligen Herrscherfamilien gab es in der Vergangenheit unzählige traurige Frauenschicksale. Wenige davon entwickelten sich jedoch zu solch einer Lebenstragödie, wie die von Anna Prinzessin von Sachsen Herzogin zu Sachsen (1567–1613). Geboren wurde sie als Tochter des sächsischen Kurfürsten August und seiner Gemahlin Anna von Dänemark in Dresden. 1586 ging die Prinzessin mit Johann Casimir Herzog von Sachsen-Coburg die Ehe ein. Wenngleich das von ihrer Seite aus Liebe geschah, so doch nicht von ihrem Gemahl. Wohl weniger da sie körperlich leicht verwachsen war, sondern auf Grund des ausbleibenden Kindersegens entwickelte er ihr gegenüber ein zunehmend ablehnendes Verhalten.

Gegen Ende des Jahres 1592 erschien am Coburger Hof ein Italiener, der seit Jahren ein gern gesehener, verehrter Gast in den Residenzen und bedeutenden Städten nicht nur des Reiches, sondern ganz Westeuropas war. Dementsprechend konnte er vielerlei Empfehlungsschreiben fürstlicher sowie anderer angesehener Personen vorweisen. Es scheint, als ob ihn Herzog Johann Casimir am bischöflichen Hof in Bamberg kennengelernt, ja sogar gezielt gesucht, und aus Begeisterung für ihn in seine Residenz eingeladen habe. Sofort als besonders lieber Gast behandelt, quartierte er ihn bei sich in der Ehrenburg ein. Der Mann nannte sich Hieronymus Scottus und soll ein Mitglied der alten, gräflichen Familie Scotto aus Piacenza gewesen sein.

Johann Casimir von Sachsen-Coburg 1597
Johann Casimir von Sachsen-Coburg 1597

Er gehörte zu dem Typ Abenteurer, die man immer wieder an den Herrscherhöfen und in den reichen Handelsstädten Westeuropas antraf. Mit Charme, Bildung, einem geheimnisvollen Flair sowie vor allem großem Einfühlungsvermögen verstanden sie es auf Kosten ihrer jeweiligen Gastgeber zu leben und diese oft geschickt zu betrügen. Denn,

durch deren blinde Begierde nach immer mehr Reichtum sowie Macht, den Symbolen für Glück überhaupt, aber auch einem grenzenlosen Vergnügungswillen, waren selbst die höchstgestellten Personen, selbst bis hin zum Kaiser, für Männer wie Scottus die geeigneten Opfer. Im eigentlichen Sinne war er ein Gaukler, mit dem Gehabe eines Magiers, auf allerhöchstem Niveau. Seine zum Teil überlieferten, spektakulären Vorführungen, die man als übernatürlich ansah, waren überall die Sensation. Wie von dem, zu jener Zeit schon verstorbenen, berühmten Dr. Faust sagenhaft überliefert, soll Scottus in Frankfurt auch einmal einen „Auszug“, eventuell ebenfalls auf einem Fass, vorgeführt haben. Ein anderes Mal ließ er Adam und Eva erscheinen. Auch vermochte er ohne jegliche Vorbereitung „magische Gastmahle“ anzurichten, nach denen freilich alle, so wie zuvor, einen leeren Magen hatten. Wie viele seiner Kunststücke kann das eindeutig nur mittels Hypnose aller Anwesenden erfolgt sein. Goldene Münzen aus Brot hervorzaubern, Gedanken lesen und mit Karten zaubern, waren für ihn da sicher einfach zu handhabende Taschenspielertricks.

Für Johann Casimir dürfte der Italiener aus mehreren Gründen von Interesse gewesen sein. Der eine davon war, dass er sich gern von anderen vergnüglich unterhalten ließ. Und dafür der gebildete, gute Umgangsformen aufweisende und als Magier kaum zu überbietende Scottus der geeignete Mann gewesen zu sein.

Aber das war es sicherlich nicht allein. So ist stark zu vermuten, dass Johann Casimir dem geheimnisvollen Fremden große Aufmerksamkeit schenkte, da sich dieser bei Bedarf auch als Alchemist betätigte. Auf jenem Gebiet versuchten, umwoben von mystischem Gehabe, die Adepten (Meister der Alchemie) den sogenannten Stein der Weisen zu finden, Metall in Gold zu transmutieren und andere Menschheitsträume wahr werden zu lassen. Und Gold brauchte der finanzarme Herzog natürlich zur Genüge. Das veranlasste diesen angeblich, sich doch gelegentlich Zeit zu nehmen und in seinem Labor in der Ehrenburg zusammen mit Scottus alchimistische Experimente durchzuführen, um Gold herzustellen.

Nach dem Verständnis der Zeit benötigte man als wichtigstes Mittel dazu erst einmal den sogenannten Lapis Philosophorum (Stein der Weisen), der in der Praxis der Alchemisten jedoch gelegentlich kein Stein, sondern eine Flüssigkeit oder ein Pulver war. Dieses Mittel herzustellen, stellte das eigentliche Geheimnis dar, nach dem die Alchemisten über Jahrhunderte forschten. Zu jeglicher Zeit kursierten unter ihnen dafür verschiedene Anleitungen, wobei jeder schwor die einzige Richtige zur Herstellung des Präparates zu besitzen. Danach buchstabengetreu vorzugehen, war allerdings nicht einfach. Schon von vornherein völlig unverständlich verfasst, mussten für das Geheimmittel erst einmal eine Vielzahl äußerst seltene und teilweise mehr als kuriose Bestandteile besorgt werden. Das kostete dem Alchemisten, beziehungsweise dessen Auftraggeber, schon einmal viel Geld. Waren die Substanzen endlich alle vorhanden, durften sie nur zu bestimmten Zeiten sowie unter mysteriösen Riten, mit dem Sprechen von Gebeten und dergleichen vermischt werden. Das erforderte wiederum viele Monate Arbeit, in welcher betrügerische Leute auf Kosten ihrer Förderer gut leben konnten; also in diesem Fall Scottus sicher auf Johann Casimirs Rechnung. Wenn sie sich letztlich dann zum Herstellen von Gold gezwungen sahen, führten das die Adepten in der Regel mit zuvor eingeschmolzenem Edelmetall aus, das sie fingerfertig in ihren Prozess einbrachten. Dafür gab es verschiedene, in dem Metier bekannte Möglichkeiten. Den staunenden Anwesenden letztlich das gewonnene Gold präsentierend, hielt dieses natürlich jeder Prüfung stand.

Hieronymus Scottus
Hieronymus Scottus

Wenngleich der Herzog ein für die Zeit gut gebildeter Mann war, sind ihm die Tricks unlauterer Alchemisten selbstverständlich nicht bekannt gewesen. Ein wissenschaftlich fundiertes Hinterfragen derartigen Goldmachens ist zu jener Zeit überhaupt noch nicht möglich gewesen. Für Johann Casimir war Scottus darum einfach ein gottbegnadeter, mit übernatürlichen Kräften ausgestatteter Meisteradept. Den Kern der alchemistischen Philosophie bildete allerdings nicht die eigentliche Goldherstellung, sondern, wie erwähnt der Stein der Weisen. Und jeder, der sich nur ein klein wenig damit beschäftigte, wusste, sicherlich auch Johann Casimir, dass angeblich jegliche Menschheitsträume mit diesem Stein erfüllbar seien. So glaubte man, dass seine Verbindung mit Rotwein, das sogenannte Aurum Potabile (trinkbares Gold), als Universalmedizin gegen jegliche Krankheiten und damit ebenfalls ausbleibenden Kindersegen wirke, ja sogar ein Mittel gegen das Altern sei. Dieser Hintergrund des Wesens des Steins der Weisen lässt zumindest die Überlegung zu, ob Johann Casimir Scottus nicht auch mit dem Gedanken an seinen Hof holte, dass dieser Anna mittels des Aurum Potabile helfen würde schwanger zu werden.

Welches der Hauptgrund für den Herzog auch immer war, den Italiener in seine Residenz einzuladen ist nicht eindeutig zu klären. Jedenfalls schien er von Anfang an seinen Erwartungen entsprochen zu haben. Dementsprechend zeigte sich Johann Casimir von seinem geheimnisvollen, berühmten Gast mehr als begeistert. Auf Grund seiner, ohne Vater verlebten Kindheit sowie Jugend hatte Johann Casimir offenbar einen Komplex. Darum erwies er Scottus die große Ehre, indem er ihm sagte, dass er ihn als seinen guten Vater ansehe und ihn allezeit auch so nennen wolle. Und das sollte genauso seine Gemahlin tun und sich als seine Tochter beweisen. Bei dieser Gelegenheit wies er an, dass der Italiener daraufhin Anna die Hand gab. Ansonsten nur unter Verwandten sowie standesgleichen Personen üblich, war das eine große Auszeichnung. Damit nahm das Unglück seinen Lauf. Scottus dürfte zu jener Zeit im Übrigen wohl reichlich 50 Jahre alt und äußerlich noch ein attraktiver Mann gewesen sein.

Derart einmalig seine Position in der Ehrenburg gefestigt, begann der Magier in der Folge Anna zunehmend seine Aufwartungen zu machen. Seit Jahren führte sie ein sehr monotones Leben und pflegte kaum nennenswerte gesellschaftliche Kontakte mit Fremden. Darum wird die junge Frau sich gefreut haben, immer einmal wieder von dem von Mysterien umwobenen, südländisch-charmanten Grafen aufgesucht zu werden. Sicher führte er ihr dann mit magischem Gehabe seine Kartenkunststücke vor, was er offenbar gern machte und mancherlei andere Zaubertricks.

Coburg auf einem Stich des 19. Jahrhundert
Coburg auf einem Stich des 19. Jahrhundert

Scottus war schnell mit den allgemeinen Gepflogenheiten des Hofes vertraut geworden, wusste über die Leidenschaften des Herzogs Bescheid und erkannte die seelische Distanz zwischen ihm und seiner Gemahlin. Als ein intelligenter Mann dürften ihm die Ursachen dafür nicht lange verborgen geblieben sein. Damit erahnte er freilich auch die intimsten sowie sehnlichsten Wünsche von Anna; endlich schwanger zu werden und für ihren Mann einen Sohn zu gebären. Scottus wird bestimmt nicht lange gezögert haben, sie beiläufig mit dem alchemistischen Glauben jener Zeit vertraut zu machen. Also, dass man mittels des Steines der Weisen sowie bestimmter Zusätze unter vielen Wundern die Herrschaft über Geist sowie Körper gewinnen kann. Damit sei es auf Wunsch ebenfalls kein Problem in andere Umstände zu kommen.

Anna wird das sicher mit großen, freudigem Staunen gehört haben. Als Prinzessin hatte sie eine relativ gute Bildung genossen. Dennoch war sie, wie alle Menschen ihrer Zeit, völlig im allgemeinen Aberglauben gefangen, von dem auch die Alchemie weitestgehend beherrscht wurde. Dazu kam, dass sich Anna, auf Grund ihrer isolierten Erziehung undLebensweise von großer Weltfremdheit und damit auch nicht mit den Schlechtigkeiten der Menschen vertraut zeigte. Wie offenbar schon ihr Gemahl, begann sie ebenfalls allgläubig Scottus als das anzuerkennen, als was er sich mit allen Kräften darzustellen bemühte – als einen mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Meister magischer Künste. Langsam immer zutraulicher werdend, dürfte die zutiefst unglückliche Anna schließlich dem älteren, seriös wirkenden Italiener, den sie nach ihres Mannes Weisung ja als väterlichen Freund betrachten sollte, selbst offen ihren intimen Wunsch anvertraut haben. Der wird ihr sicherlich versprochen haben diesen zu erfüllen, wenn er das entsprechende Mittel zubereitet habe. Um das zu erreichen, wird er ihr wohl vorgemacht haben, dafür nur noch einige, sehr seltene und äußerst teure Ingredienzen erwerben zu müssen.

Annas Glaube, nun mittels Scottus Künsten vor der Möglichkeit zu stehen, ihren jahrelang gehegten heißen Wunsch endlich Wirklichkeit werden lassen zu können, ließ sie zu einem willenlosen Werkzeug dieses Mannes werden. Da sie kaum über Geld verfügte, gab sie ihm angeblich schrittweise einige Stücke ihres Schmuckes den sie entbehren konnte, ohne dass es ihrem Gemahl auffiel; schließlich sollte der davon nichts erfahren. Aber dabei sollte es nicht bleiben.

Scottus war ein Spielertyp und offenbar ein mehr als boshafter Mensch. Dennoch ist es

merkwürdig, dass er nicht Geld sowie Schmuck nahm und abreiste bevor sein betrügerisches Verhalten aufgedeckt wurde; so, wie er es vermutlich ansonsten praktizierte. Sondern, als Krönung seines Aufenthaltes in Coburg verführte er Anna.

Bevor Scottus schließlich doch Herzog Johann Casimirs Land verließ, richtete er bösartiger Weise noch mehr Unheil an. Unter merkwürdigem Gebaren arrangierte er zwischen Anna und dem Höfling Lichtenstein ein Verhältnis. Auf welche Weise Scottus all das bewerkstelligte und was für ein Leidensweg für Anna sich daraus entwickeln sollte, das lässt sich nachlesen in der von Hans-Joachim Böttcher verfassten Biografie „Wenig und bös war die Zeit meines Lebens - Anna von Sachsen (1567–1613)“, die der Dresdner Buchverlag im Juni 2016 in den Handel brachte.

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Bilder:

  • Anna von Sachsen um 1585/92 (gemeinfrei)
  • Johann Casimir von Sachsen-Coburg 1597 (gemeinfrei)
  • Hieronymus Scottus
  • Coburg auf einem Stich des 19. Jahrhundert (gemeinfrei)