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London kommt!

Pückler und Fontane in England

Klaus-Werner Haupt

Im Herbst 1826 reist Hermann Fürst von Pückler-Muskau erneut auf die Britischen Inseln, denn er ist auf der Suche nach einer vermögenden Braut. Aus der Glücksjagd wird eine Parkjagd, in deren Folge die Landschaftsgärten von Muskau und Branitz entstehen. Theodor Fontane kommt zunächst als Tourist nach London, 1852 als freischaffender Feuilletonist, 1855 im Auftrag der preußischen Regierung. Die Erlebnisse der beiden Protagonisten sind von überraschender Aktualität.

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Paul Heyse

Paul Heyse

Klaus-Werner Haupt

Nobelpreisträger und bayerischer Dichterfürst

Paul Johann Ludwig Heyse wurde am 15. März 1830 in Berlin geboren. Als Sohn eines Philologieprofessors genoss er eine musische Bildung und Erziehung. Paul versuchte sich früh mit eigenen Gedichten, dank seiner Mutter hatte er Zutritt zu künstlerischen Salons. Der fünfzehn Jahre ältere Lyriker Emanuel Geibel (1815-1884) wurde sein literarischer Mentor und führte ihn in den Kreis des Kunsthistorikers und Schriftstellers Franz Kugler (1808-1858) ein. Hier wurde Heyse mit dem Künstler Adolph Menzel (1815-1905), dem Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) sowie den Schriftstellern Theodor Fontane (1819-1898) und Theodor Storm (1817-1888) bekannt.

1847 verließ der Musterschüler Paul Heyse das Gymnasium. Fortan studierte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin Klassische Philologie, Kunstgeschichte und romanische Philologie. 1849 wechselte er an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität nach Bonn, kehrte wegen der Affäre mit einer Professorengattin aber schon im folgenden Jahr zurück.

Heyse wollte Dichter werden. Unter dem Namen „Hölty II.“ schloss er sich dem Sonntagsverein Tunnel über der Spree an. 1850 erschien anonym sein Erstlingswerk Der Jungbrunnen. Neue Märchen von einem fahrenden Schüler. Die Rezension zu Theodor Storms Sommergeschichten und Lieder (1851) war der Beginn einer großen Freundschaft. Heyse feierte Erfolge mit Balladen und Übersetzungen. Gemeinsam mit Geibel entstand ein Spanisches Liederbuch (1852) mit Texten des 17. und 18. Jahrhunderts, die mehrfach vertont wurden. Im Dezember 1852 schloss sich Heyse dem Rütli an, „einer Art Nebentunnel“ zu dem neben anderen Theodor Fontane, Franz Kugler und Theodor Storm zählten. ( 1 )

Seine Dissertation Studia Romanensia (1852) honorierte die Berliner Akademie mit einem Stipendium, das ihm ermöglichte, in Italien Handschriften des Kulturkreises der Romania zu studieren. Sein Reisebegleiter wurde der Philologe Otto Ribbeck (1827-1898). Ihre „Grand Tour“ führte über den Genfer See, den Simplonpass, die Borromäischen Inseln und Mailand nach Rom, wo Heyse bisher unveröffentlichte Handschriften kopierte. Die Vatikanische Apostolische Bibliothek erteilte dem Dr. phil. daraufhin Hausverbot. Die Künstlerkolonie auf dem Monte Pincio, Speis und Trank versprachen Abwechslung. Im April 1853 unternahmen die Freunde Ausflüge nach Neapel und Sorrent. Nach einem weiteren Arbeitsaufenthalt in Rom reisten sie über Assisi und Perugia nach Florenz und Verona und schließlich nach Venedig. Bereits in Berlin entstand Heyses Tragödie Francesca von Rimini (1850), während der italienischen Reise verfasste er Lieder aus Sorrent (1852/53) sowie die Novelle L'Arrabbiata (1853). Letztere veröffentlichte er in derArgo, dem belletristischen Jahrbuch des Rütli.

Nach seiner Rückkunft im Herbst 1853 feierte Paul Heyse Hochzeit mit Margaretha (1834–1862), der Tochter seinesMentors Franz Kugler. Das Paar bekam vier Kinder, doch nach weniger als neun Jahren Ehe verstarb Margaretha an einer Lungenkrankheit. 1867 heiratete Heyse seine zweite Frau Anna (1850-1930), geborene Schubart, die ihm zwei weitere Kinder schenkte.

Der Münchner Dichterkreis Die Krokodile
Der Münchner Dichterkreis Die Krokodile

Inzwischen war Emanuel Geibel dem Ruf nach München gefolgt und hatte das talentierte „Nordlicht“ Paul Heyse dem bayerischen König empfohlen. Im Mai 1854 wechselte auch er nach München, wo Maximilian II. (1811-1864) den Poeten mit einer jährlichen Pension von 1000 Gulden bedachte – „ohne weitere Verpflichtung, als an den geselligen Abenden des Königs teilzunehmen.“ Heyse sollte die vom König veranstalteten Symposien bereichern, gelegentlich der Königin Marie als Vorleser dienen und das Monarchenpaar auf Reisen begleiten. Es blieb ausreichend Zeitfür Begegnungen mit Künstlern und eigene literarische Arbeiten.

Am 5. November 1856 luden Heyse und der Theaterkritiker Julius Waldemar Grosse (1828-1902) in das Kaffeehaus Zur Stadt München ein. Es war die Geburtsstunde des Dichterkreises Die Krokodile, einer unpolitischen Vereinigung zumeist norddeutscher Schriftsteller. „Der erhabene Charakter dieses Amphibiums schien uns trefflich zum Vorbild idealistischer Poeten zu taugen, und wir hofften, in unserm Münchener heiligen Teich dermaleinst ebenso gegen die schnöde prosaische Welt gepanzert zu sein, wie jener uralte Weise, der nur noch für den Wechsel der Temperatur empfindlich war.“ (Paul Heyse in Jugenderinnerungen und Bekenntnisse)

Zeitgenossen maßen den Hofpoeten Heyse längst an Johann Wolfgang von Goethes (1742-1832) privilegierter Stellung am Hofe des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828). 1859 widerstand Heyse dem Ruf von dessen Enkel, des Großherzogs Carl Alexander (1818-1901), nach Weimar. Als fürstliches Repräsentationsobjekt wollte er sich nicht instrumentalisieren ließ.

Trotz seines Erfolges verfolgte Heyse das literarische Geschehen in Deutschland. Seine Essays und Rezensionen im Literaturblatt des Deutschen Kunstblattes halfen so manchem Schriftstellerkollegen bekannt zu werden. Anfang des Jahres 1859 kehrte Theodor Fontane aus London zurück. Ihm sandte Heyse den Hinweis, der bayerische König suche einen literarischen Amanuensis. „Anstatt vogelfrei in der Mark herumzustreifen, setz dich auf die Eisenbahn und komm her“, ermunterte er seinen einstigen Tunnel-Freund. Seine Schwiegermutter (Clara Kugler) sei beseelt von dem Gedanken, die Fontanes in München zu wissen. Vom 24. Februar bis zum 28. März 1859 wartete der Freund im Augsburger Hof, Schützenstraße darauf, von Maximilian II. vorgelassen zu werden. Obwohl dem König einige Balladen bekannt waren, konnte er mit dem Namen Fontane nicht viel anfangen. So beschränkte sich die Audienz auf wenige freundliche Worte. Der begehrte Posten werde vorläufig nicht vakant, hieß es, aber der König wünsche eine Reihe bayerischer Balladen entstehen zu sehen. Er solle sich „qua poet“ melden. Nach fünf Wochen blieb Fontane der bittere Nachgeschmack, die Zeit in München sinnlos vertan zu haben. ( 2 )

1864 verstarb Maximilian II. von Bayern. „Nordlichter“ wie Geibel verarbeiteten ihre Betroffenheit über den Verlust ihres Mäzens literarisch. Dessen Nachfolger Ludwig II. (1845-1886) entließ Geibel vier Jahre später. Heyse erklärte sich solidarisch und reichte sein Entlassungsgesuch ein. Er blieb in München und setzte sein Schaffen unbeirrt fort.

Die einstige Villa Heyse im Jahre 2018
Die einstige Villa Heyse im Jahre 2018

1869 führte das Residenztheater sein Schauspiel Ehre um Ehre auf. 1871 wurde Heyse in den Kreis der Ritter des Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst aufgenommen, dessen Mitgliedschaft er aufgrund zunehmend klerikaler Einflüsse später niederlegte. 1874 bezogen Anna und Paul Heyse in der Luisenstraße 22, an den Garten der Münchner Glyptothek grenzend, eine großzügige Villa. Dort verkehrte – als Pendant zu Goethes Wohnhaus am Frauenplan – alles, was im ausgehenden 19. Jahrhundert Rang und Namen hatte.

Bereits dem 24-jährigen Heyse wurde nachgesagt, er stecke „in strikter Goethetuerei“ (Gottfried Keller). Dabei wollte er nie auf die Rolle eines „Goethe redivivus“ festgelegt werden.

1884 erhielt Heyse den Schiller-Preis, neun Jahre später verließ er deren Jury: Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) hatte die Preisvergabe an den Bühnenautor Ludwig Fulda (1862-1932) wegen dessen jüdischer Herkunft abgelehnt! Am 21. Juni 1885 wählte man ihn – wenn auch in Abwesenheit – in den Gründungsvorstand der Goethe-Gesellschaft. Heyse setzte sich für das Urheberrecht ein, als Mitglied der Deutschen Schillerstiftung warb er für Stipendien zugunsten notleidender Schriftsteller. ( 3 ) Mitte Februar 1887 reiste Heyse selbst nach Weimar, um die Premiere seines Schauspiels Die Weisheit Salomo´s zu erleben. Er nutzte die Gelegenheit und besichtigte Goethes Wohnhaus am Frauenplan. Das Gedicht Das Goethe-Haus in Weimar entstand – ein detaillierter Rundgang in nicht weniger als 412 Versen, der sein Publikum anregen sollte


„Zu lernen, wie entsagungsvoll begnügt
Des Glückes Liebling selbst sich dem Geschick gefügt“.


Am 17. Mai 1894 hielt Paul Heyse die Festrede zur Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft. Unter der Überschrift Goethes Dramen in ihrem Verhältnis zur heutigen Bühne wagte er „zu kritisieren, wo sonst nur Hymnen gesungen wurden“ und erntete lebhaften Beifall. Als 1896 das Goethe- und Schiller-Archiv eingeweiht wurde, kam Heyse wieder nach Weimar. Theodor Fontane lehnte die Einladung mit der Begründung ab, er habe „von Goethewissenschaftlichkeit keinen Schimmer“ (Brief an Erich Schmidt vom 25.05.1896).

Die Wintermonate verlebte der Italienliebhaber Heyse in Sorrent oder auf Capri, ab 1899 auf seinem Landsitz Villa Itolanda in Gardone Riviera.Durch seine Übersetzungen wurden Autoren wie Vittorio Alfieri, Alessandro Manzoni, Giacomo Leopardioder Giuseppe Giusti auch dem deutschen Publikum zugänglich. Die Lyriksammlung Italienisches Liederbuch (1860), sein fünfbändiges Werk Italienische Dichter seit der Mitte des 18ten Jahrhunderts (ab 1889), die Italienischen Volksmärchen (1914) oder Drei italienische Lustspiele aus der Zeit der Renaissance (1914) machten Heyse zu einem der führenden Vermittler italienischer Kultur.

Aus seiner Feder flossen 177 Novellen, 60 Dramen und acht Romane. Nach wie vor von Bedeutung ist Heyses „Falkentheorie“. Analog Giovanni Boccaccios (1313–1375) Decamerone forderte er, jede Novelle habe in einem unerwarteten Wendepunkt, dem „Falken“ (Dingsymbol), zu gipfeln. 1910 erhielt Heyse als erster deutscher Dichter den Nobelpreis für Literatur – „als Huldigungsbeweis für das vollendete und von idealer Auffassung geprägte Künstlertum, das er während einer langen und bedeutenden Wirksamkeit als Lyriker, Dramatiker, Romanschriftsteller und Dichter von weltberühmten Novellen an den Tag gelegt hat.“ Anlässlich seines 80. Geburtstages wurde er durch den Prinzregenten Luitpold (1821–1912) nobilitiert und zum Ehrenbürger der Stadt München ernannt.

Am 2. April 1914 verstarb der „bayerische Dichterfürst“. Seine Grabstätte und die seiner zweiten Frau Anna befindet sich auf dem Münchner Waldfriedhof, Fürstenrieder Straße.

*****

Quellen:

( 1 ) Alefeld, Yvonne-Patricia: Kurzbiografie Paul Heyse. In: Goethezeitportal,Italienlyrik der Goethezeit

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool...

( 2 ) Haupt, Klaus-Werner: LONDON KOMMT! Pückler und Fontane in England. Bertuch Verlag Weimar 2018, S. 120–121

( 3 ) Hettche, Walter: Paul Heyse und die Weimarer Goethe-Gesellschaft. In: Goethe-Jahrbuch 2017, WallsteinVerlag Göttingen Bd. 134, S. 199–211

( 4 ) Czoik, Peter: Paul Heyse. In: literaturportal-bayern, Autorinnen & Autoren

https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-a...

Abbildungen:

( 1 ) Paul Heyse. Foto: Loescher & Petsch ( c ) Bayerische Staatsbibliothek München

( 2 ) der Münchner Dichterkreis Die Krokodile. In: Die Gartenlaube, Jg. 1866, Bl. 533

( 3 ) ehemalige Villa Heyse in der Luisenstraße 22, München ( c ) Haupt 2018

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