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Florian Russi

Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Die verzauberte Jungfrau auf dem Waldstein

Die verzauberte Jungfrau auf dem Waldstein

Carolin Eberhardt

Ein plötzlicher Reichtum durch eine unbekannte Schöne? Klingt ganz wie in einem Märchen der Gebrüder Grimm. Nicht verwunderlich, haben doch viele ihrer Geschichten selbst ihren Ursprung in dem deutschen Sagenschatz. Aber was mag es wohl mit einem Fluch auf sich haben, von dem eine wunderschöne Jungfrau einzig durch einen Kuss erlöst werden kann? Diese Frage kann die folgende Sage aus dem Fichtelgebirge nicht beantworten. Sie liefert lediglich eine weitere, geheimnisumwobene und spannende Legende früherer Zeiten.

Vor langer Zeit begab sich der Schäfer eines Edelherrn jeden Tag mit seiner Herde in Richtung des Waldes. Dabei führte ihn sein Weg auch stets an den Felsen des Waldsteins vorüber. Nach wiederholtem Anstieg an ebendieser Stelle wurde der Schäfer darauf aufmerksam, dass sein Hund jedes Mal für einen kurzen Moment verschwand, nach einer Weile aber wohlgenährt und gesünder als zuvor wieder auftauchte. Verwundert beobachtete er dies Schauspiel einige Male, bis er beschloss, seinem Hund zu folgen, um herauszufinden, wer sein Tier wohl fütterte. Nach einer kurzen Strecke erblickte er plötzlich eine verborgene Türe in dem Felsen vor ihm. Furchtlos übertrat er die vor ihm liegende Schwelle, die ihm noch nie zuvor unter die Augen gekommen war. Da trat ihm, in einem weißen Gewand, eine bildschöne Jungfrau entgegen und bat ihn inständig: „Bitte, werter Herr, Ihr müsst mich küssen, auf das ich von meinem Fluch erlöst werden möge.“ Der Schäfer kam der Bitte des Mädchens augenblicklich nach. Die Jungfrau war über die Erfüllung ihres Wunsches so erfreut, dass sie dem Schäfer zum Dank eine Lilie reichte. Sie zeigte ihm einen großen Kasten, auf welchem ein schwarzer Hund lag. Mit der Lilie solle er, sooft er wolle und müsse, an diese Stelle zurückkehren und sich an dem Inhalt des Kastens, mit drei Griffen gütlich tun. Die Lilie diene ihm dabei als ein Schlüssel.

Der Schäfer verwahrte die Lilie daraufhin behutsam und sorgfältig und merkte sich die Worte der Jungfrau sehr wohl. So kam er alsbald wieder an den gleichen Ort. Sobald er die Höhle nun betrat, sprang der Hund sofort vom Kasten herunter. So konnte der Schäfer den Kasten öffnen und von den Edelgütern darin drei Handvoll entnehmen. Die Besitztümer machten ihn zu einem reichen Mann. Keinem erzählte er von dieser glücklichen Fügung, bis er eines Tages den Entschluss fasste, seinen Dienst als Schäfer aufzugeben und mit seinem Besitz nach Sachsen zu ziehen. Hier gab er einst das Geheimnis seines Reichtums preis und erzählte, was sich auf dem Waldstein zugetragen hatte. Kurz darauf verschwand die Lilie aus seinem Besitz, beinahe so, als hätte sie sich geradewegs in Luft aufgelöst.

*****

Textquelle: neu erzählt in Anlehnung an: Schöppner, Alexander (Hrsg.): Sagenbuch der Bayrischen Lande: aus dem Munde des Volkes, der Chronik und der Dichter, Band 3, München: Verlag der Ratth. Rieger'schen Buchhandlung, 1853; Quelle der Sage: mündlich überliefert.

Vorschaubild:

Vestal, ca. 1880, Gemälde von Sir Frederic Leightonvia Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Ansichtskarte Motiv: Arnsteinfels am Waldstein (Fichtelgebirge), um 1900. Urheber: Eugen Felle via Wikimedia Commons Gemeinfrei.


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