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Ein Buch, das zu Herzen geht

Klinikclown Knuddel erinnert an die vielen Kindern und Jugendlichen, die er begleiten durfte, und in seinen Geschichten lässt er ihr Wesen und ihre Persönlichkeit nochmals aufleben. Geschichten über die Liebe und einen Clown im Sterbezimmer.

Der Schatz auf dem Hohenbogen

Der Schatz auf dem Hohenbogen

Carolin Eberhardt

Über den Schatz, welcher sich in unterhalb des Westgipfels des Hohenbogens befinden soll, sind viele Sagen und Geschichten überliefert. Manch einer wird versucht haben, die Reichtümer zu heben, doch bisher ist es niemandem gelungen. Wer weiß, vielleicht befinden sich heute noch unterirdisch versteckt unter den dort aufgestellten Sendeanlagen des Bayerischen Rundfunks die großen Reichtümer längst vergangener Zeiten.

Zu finden ist der Hohe Bogen in der Oberpfalz im Landkreis Cham. Das Gebiet des Höhenzugs reicht vom Gipfel Burgstall mit einer Höhe von 976 m im Nordwesten über den Bärenriegel (1017 m), den Eckstein (1073 m), den Schwarzriegel (1079 m) sowie den Ahronriegel (1050 m) im Südosten.

Schon viele Jahrhunderte hat der Schatz des Hohenbogens Einheimische und Durchreisende fasziniert. In einem kupfernen Kessel ca. 197 m in den Tiefen unterhalb des Burgstalls hat er alle Stürme, Kriege und Umbrüche gesellschaftlicher und politischer Art überdauert.

Carolin Eberhardt

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In der Region Cham erzählten sich die Leute, dass nur einmal in hundert Jahren ein Mensch geboren wird, welchem die Gabe mitgegeben wurde, den Schatz zu heben. Jedoch müssen dazu gewisse Bedingungen eingehalten werden. Einst war es ein Hirte von Schwarzenberg, dem die Fähigkeit eigen war.

Eines Tages, der Hirte weidete seine Herde auf der Ebene des Burgstalls am Fluss, vermisste der junge Mann, als er seine Tiere für den Rückweg zusammentreiben wollte, ein junges Rind. Er begann auch gleich mit der Suche nach dem Kalb, und als er nun schon hierhin und dorthin gegangen war, um es zu finden, so hörte er ein ihm vertrautes zartes Muhen oben aus dem Wald. Eilig stieg er den Burgstall hinauf, hatte schon ein großes Stück des Anstieges bezwungen und war schon nahe am Gipfel angelangt, als ihm plötzlich eine wunderschöne, aber seltsam und fremdartig gekleidete Frau entgegentrat. Mit einer einschmeichelnden Stimme sprach sie den verblüfften Hirten folgendermaßen an: „Du bist genau zum rechten Zeitpunkt bei mir angekommen. Du solltest wissen, dass es nun in meiner Hand liegt, dich zum reichsten Mann des Landes zu machen. Ich kann dir das Geheimnis darüber verraten, wie du den Schatz, welcher schon viele Jahrhunderte unter unseren Füßen vergraben ist, heben kannst.“ Der Hirte, zunächst durch die wunderliche Erscheinung von einem gruselnden Schauer übermannt, fasste sich ein Herz und antwortete: „Ich bin bereit, deinen Anweisungen zu folgen.“ Denn der junge Mann kannte sehr wohl die Geschichte über den bisher unerreichbaren Schatz und konnte sein Glück kaum fassen, dass gerade er, ein armer Hirte, der Auserwählte für diese Aufgabe sein sollte.

Die Jungfrau, die sich über die Antwort des Hirten freute, begann mit ihren Anweisungen: „Wenn du heute in acht Tagen zu Beginn der Mitternachtsstunde am Fuße des Burgstalls erscheinst, begleitet von zwei Priestern, welche die rechte Beschwörungsformel kennen und sprechen können, so werdet ihr den Schatz aufsteigen sehen, bis er auf dem Gipfel des Berges liegen bleiben wird. Ist dieses Kunststück geglückt, so hadert und zögert nicht, sondern schreitet mutig und geschwind darauf zu und lasst euch durch nichts beirren. Egal was euch den Weg versperren wird, so schrecklich es aussehen mag, lasst euch nicht von eurem Ziel abbringen. Denn die Zeit wird drängen, und die Erscheinungen sind nur ein Blendwerk des Teufels, der euch um euren Schatz betrügen will, euch aber keinen Schaden an Leib und Seele antun kann. Hast du die Schatztruhe erreicht, so tritt schnell näher an sie heran und greife mit beiden Händen in den Goldhaufen hinein, dann wird der Schatz für immer dir gehören. Solltest du aber lieber die Flucht vor den Zaubereien des Teufels wählen, wehe dir! Wehe mir! Ein Unglück wird uns beiden widerfahren. Ich müsste wieder hundert Jahre umherirren und könnte keine ewige Ruhe finden. Dir aber wird der Schatz auf ewig nicht mehr zugänglich sein. Solltest du versagen, so bitte ich dich, folgendes an deine Nachfahren weiterzugeben. Denke an meine arme Seele, die unaussprechliches Leid über sich ergehen lassen muss in diesen vielen Jahren. Willst du mir helfen, so schau zu dem Reis zu deinen Füßen!“ Sie zeigte auf ein jung sprießendes Ahornbäumchen. „Der Spross muss zunächst zu einem starken Baum heranwachsen, aus seinem Stamm müssen Bretter gefertigt und aus diesen Brettern eine Wiege gezimmert werden. Der Knabe, der in dieser Wiege ruhen wird, muss erst ein Mann werden, bevor ich wieder auf Erlösung hoffen kann. Also mach deine Sache gut und lass dich nicht von Luzifer an der Nase herumführen.

Diese letzten Worte klangen dem Hirten so herzzereißend in den Ohren nach, dieser Jammer des übernatürlichen Wesens ging ihm so nah, dass der junge Mann sofort von dem Schicksal der Frau zutiefst ergriffen war. Und so war der Versuch, den Schatz zu heben vielmehr von dem Wunsch angetrieben, das große Leid der Schatzwächterin zu lindern, als sich mit Reichtümern zu überhäufen. Soeben wollte er der Jungfrau noch seine Antwort mitteilen, doch als er zu dem ersten Wort ansetzte, löste sich ihre Gestalt vor seinen Augen in leichte Nebelschwaden auf, die durch den Alpenwind über den Gipfel des Burgstalls weggetrieben wurde. Aus dem Gebüsch aber, vor dem die Frau zuvor gestanden hatte, kam das entlaufende Rind reuig und mit hängendem Kopf hervor getrottet und folgte seinem Herrn mit demütig gesenktem Kopf auf den Weideplatz zurück.

Am nächsten Tag verschwendete der Hirte keine Minute, ging früh am Morgen bereits zum Franziskanerkloster nach Neukirchen und berichtete dort dem Pater Guardian den wunderbaren Vorfall. Kurz darauf hielt dieser mit den Vätern Rat darüber, was nun in dieser Sache zu tun sei. Die Mönche kamen einstimmig zu dem Entschluss, dass es sich hier um die Erlösung einer armen Seele handelte, mit der gleichzeitig ein Triumpf über den Belzebub erlangt werden könnte. Sie kamen also darin überein, den Hirten bei seinem Vorhaben mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu unterstützen. Allerdings war diese Hilfe nicht gänzlich ohne Gegenleistungen zu empfangen. Denn bevor Guardian zwei seiner Mönche dazu befehligte, sich durch Fasten und Beten auf diese Aufgabe vorzubereiten, beide galten in der Gemeinde als die Frommsten unter allen Mönchen, handelte er bei dem Hirten einen großen Anteil des Schatzes aus, welches dieser dem Kloster nach ihrem Auftrag auszuhändigen hatte.

Und als es nun zur Mitternachtsstunde zuging, da trafen sich Hirte und Mönche an vorgegebener Stelle am Fuße des Burgstalls. Kaum schritten sie über den Weideplatz dahin, so schlug die Turmuhr zu Neukirchen zur zwölften Stunde. Mit dem letztem Schlag loderte auf dem Gipfel eine hohe Flamme empor. Die Mönche erkannten gleich, dass dies das Zeichen dafür wäre, dass der Schatz sich erhoben habe. Und so ermahnten sie den Hirten, nicht von ihrer Seite zu weichen und dem Treiben um sie her keine Aufmerksamkeit zu schenken. Mutig schritten die Mönche voran, um sich ihrem Feind entgegen zu stellen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, da vernahmen sie in dem Wald ein seltsames Treiben. Eulen und Fledermäuse kamen den Männern nun in großen Schwärmen entgegen geflattert, aus dem Unterholz links und rechts von ihnen wurden ihnen Totengebeine vor die Füße geworfen und grinsende Totenschädel kullerten ihnen in den Weg. Die Mönche des Klosters ließen sich von diesen Teufeleien aber keineswegs abschrecken. Mit tapferen Herzen setzten sie ihren Weg unbeirrt fort, während sie dabei die Bannformel aufsagten und in alle Richtungen ihr Weihwasser verteilten. Bereits die Hälfte der Strecke hatten sie zurück gelegt, als sich plötzlich der mondhelle Himmel über ihnen verfinsterte und ein gewaltiger Sturm losbrach, welcher den Berg selbst aus seinen Angeln zu heben schien. Blitze zuckten hageldicht auf die Baumwipfel nieder, der Donner krachte Schlag um Schlag um noch einiges lauter, die Bäche stiegen in wenigen Minuten über ihre Ufer und wälzten sich als mannshohe Fluten gegen die Männer den Gipfel hinab. Die Mönche und der Hirte rechneten jeden Moment damit, bis zu den Hälsen im Wasser zu versinken, nicht mehr lange und die Flutwelle würde sie erreicht haben. Doch als sie sich ihre Kleidung betasteten, stellten sie fest, dass an dieser nicht ein Tropfen Wasser zu finden war. Und so schenkten sie dem tosenden Unwetter weiter keine Beachtung und setzten ihren Weg fort. Auch als nun unheimliche und entstellte Ungeheuer, mal in Tiergestalt, mal menschlich, vor ihnen auftauchten, ließen sie sich von ihrem Vorhaben, auf den Gipfel zu gelangen, nicht abbringen. Und so erreichten sie diesen schließlich, ohne dass sie auch nur einen kleinen Kratzer erlitten hatten.

Auf dem Gipfel angelangt, erblickten die drei sogleich wenige Schritte vor sich, nach wie vor hell erleuchtet von der lodernden Flamme, ein kesselartiges Gefäß, das bis zum Rand mit funkelnden Goldmünzen gefüllt war. Gerade wollte der Hirte zügig vortreten und die Reichtümer berühren, so wie es ihm die Jungfrau aufgetragen hatte, da bebte der Boden unter seinen Füßen und wie von unterirdischer Kraft angetrieben, wich ein mächtiger Felsblock polternd von seinem Platz. Aus der entstandenen Öffnung aber kroch ein scheußlicher Drache und ringelte sich mit seinem gesamten, endlos wirkenden Körper dreimal um den Gipfel des Burgstalls herum. Und so errichtete das Untier in kurzer Zeit einen Schutzwall, der sich zwischen den Männern und dem Schatz befand. Mit dem Erscheinen des Untiers war nun auch der Mut der tapferen Mönche auf eine harte Probe gestellt. Jeden Moment rechneten sie schon damit, dass sie von scharfen Zähnen gepackt werden würden. Und in ihrer panischen Angst fielen sie eher als dass sie liefen den steilen Abhang hinunter. Der Hirte, verlassen durch seine geistlichen Begleiter, sah sich nun gezwungen, den Mönchen zu folgen. Zwar hörte er hinter sich die Stimme der Jungfrau, die klägliches Wimmern und Jammern von sich gab und die Männer zum Ausharren aufforderte, aber die Flüchtenden waren nicht mehr in ihrem Abstieg aufzuhalten. Als sich der Hirte zuletzt wagte, sich nochmals umzuwenden, da erblickte er, wie der Gipfel des Berges sich spaltete und in dem großen Spalt die Schatztruhe verschlang. Zeitgleich erhob sich ein tausendstimmiges Geheul, welches ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das, so erfuhr er später, war das Hohngelächter der leibhaftigen Hölle selbst. Die Jungfrau aber musste nun wieder hundert Jahre warten, bis ein Jüngling sein Glück mit dem Schatz versuchen konnte. Damit aber der nächste Versuch gelingen konnte, so ließ der Hirte durch die Mönche des Klosters alles niederschreiben. Über den Ahornbaum, aus dessen Holz die Wiege geschnitzt werden sollte, über die Jungfrau und ihr Schicksal und natürlich über die abscheulichen Kreaturen, denen der nächste Auserwählte sich auf seinem Weg zum Schatz stellen muss. All diese Aufzeichnungen wurden in dem Franziskanerkloster in Neukirchen aufbewahrt. Und vielleicht liegen sie dort noch heute. Vielleicht ist die Geschichte auch dadurch bis heute überliefert worden.

 

 

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Bildquellen: 

Vorschaubild: Sendeanlage Hoher Bogen des Bayerischen Rundfunks, 2006, Urheber: Gomera-b via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Burg Hochpogen auf den Bairischen Landtafeln von 1568 des Philipp Apian via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Herder met kudde op bergpad, zwischen 1817 und 1828, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons CC0.

The Daughter of Jephthah, 1879, Urheber: Alexandre Cabanel via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Franciscan friar, 1904, Urheber: F. A. Gasquet via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Blatt aus der Serie der Hundert Gespenstergeschichten von Katsushika Hokusai, etwa 1830 via Wikimedia Commons gemeinfrei.

 

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