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Horst Nalewski
Kennst du Rainer Maria Rilke?
Der schwere Weg zum großen Dichter

Der junge Rilke wächst in Prag auf undentwächst den bürgerlichen Vorstellungen seiner familiären Umgebung. Auf der stetigen Suche nach sich selbst, findet er Halt im Schreiben und schreibt viel. "Der schwere Weg zum großen Dichter" ist hier verständlich und interessant dargestellt.

Das verlorene Kind

Das verlorene Kind

Carolin Eberhardt

Oder: Eine Lektion des wahren Glücks

Nicht selten sind Sagen und Legenden mit einer moralischen Pointe versehen, versuchen sie den Leser in belehrender Weise zu den richtigen Werten und Normen zu leiten. Das Streben nach der Glückseligkeit beschäftigt den Menschen seit je her. Der eine sucht es in der Gründung einer Familie oder dem Streben nach der eigenen Selbstverwirklichung, der andere begehrt Macht und Reichtum. Bereits die Philosophen der griechischen Antike trieb die Frage um, auf welchem Wege die wahre Glückseligkeit zu erlangen wäre. Die nachfolgende Geschichte aus dem bayrischen Sagenschatz gibt ein Beispiel für ein fortdauerndes Glücksempfindens.

Einst, vor langer Zeit, trug es sich zu, dass eine Frau mit einem ihrer Kinder in der Gegend von Marktschorgast in die Beeren ging. Alsbald fand sie auch einen üppig behangenen und herrlichen Strauch und begann, die wunderbaren roten Früchte abzupflücken. Zu ihrer Verwunderung war der Strauch nach jeder Umrundung, in welcher die Frau die Früchte abgetragen hatte, von neuem reich behangen und es erweckte den Anschein, als hätte sie keine einzige der Beeren bisher abgepflückt. Verdutzt blickte sie daraufhin in ihren Korb, ob sie denn auch noch recht bei Sinnen war. Dieser war jedoch, so wie vermutet, schon reichlich mit Beeren gefüllt. Als sie nun ein weiteres Mal um den Strauch herumschritt, stellte sie unerwarteter Weise fest, dass sich direkt neben dem Gestrüpp eine weite Öffnung in der Erde befand, derer sie zuvor nicht gewahr geworden war. Neugierig trat sie nun an die seltsame Pforte heran, durchschritt sie ein wenig zögerlich und befand sich in einer Höhle. Ihre Augen wurden groß vor Gier, denn egal in welche Richtung sie auch blickte, um sie her glitzerte und funkelte es von Gold und Edelsteinen. Wie sie da nun staunend stand, traten drei weiße Jungfrauen an sie heran und redeten ihr freundlich zu, sie solle sich hier an den Schätzen nach Herzenslust bedienen und sich nehmen, was immer ihr gefiel. Mit einem Mal war die Frau von Habsucht ergriffen und so raffte sie sich drei Ladungen der Gold- und Silberhaufen und sprang im Anschluss eilig zur Höhle hinaus, ohne auch nur ein Wort des Dankes an die drei Jungfrauen zu verschwenden. Noch ehe sie es sich recht überlegen konnte, war die Öffnung hinter ihr verschlossen. Doch welcher Schreck durchfuhr nun plötzlich eiskalt ihr Herz! Sie hatte vor lauter Gier nach den schönen teuren Besitztümern ihr eigenes Kind in der Höhle zurückgelassen! Zügig, stolpernd und innerlich zerrissen, stürzte sie zu der Stelle zurück, an der sich die Höhlenöffnung befunden hatte. Doch so sehr sie sich bemühte und suchte und flehte, der Eingang war verschwunden. Von nun an schmerzte sie der Verlust ihres Kindes und sie grämte sich jeden Tag in jeder Stunde. Die schönen Schätze der Jungfrauen trösteten sie in keiner Weise über ihre Torheit und ihren Herzschmerz hinweg, waren sie doch nicht annährend ein Ersatz für ihr geliebtes Kindchen. So schleppte sie sich nun mit ihrem schweren Herzen Tag um Tag ein Jahr lang fort. Als sich der Johannistag jährte, ging die Frau zu dem Strauch zurück. Und, welch Wunder! Der Eingang war nun wieder offen, wie er es schon vor einem Jahr gewesen. Freudig stürmte die Unglückliche durch die Öffnung. Dieses Mal waren ihr die Schätze ringsum völlig einerlei. Sie würdigte sie keines einzigen Blickes. Denn in der Mitte der Höhle stand nun ihr kleines Kindchen, mit einem Apfel in der Hand und lächelte sie an. Frisch und blühend und unversehrt blickte es ihr entgegen. Die erleichterte Mutter rannte dem Kindchen freudig entgegen und schloss es inniglich und herzlich in die mütterlichen Arme. Von diesem Tage an, empfand die Frau eine unbeschreibliche und ewig fortdauernde Glückseligkeit in ihrem Herzen.

Wie die Geschichte uns lehrt, ist nicht Besitz an edlen Gegenständen das, was den Menschen im Leben glücklich macht, sondern die wahren Werte des Glücks liegen in der Zuneigung, die wir für andere Menschen empfinden, in dem Zusammensein mit denjenigen, die uns am Herzen liegen und indem Wissen darum, dass es diesen Menschen an nichts fehlt und sie sich bester Gesundheit erfreuen können.

*****
In Anlehnung an: Schöppner, Alexander (Hrsg.): Sagenbuch der Bayrischen Lande: aus dem Munde des Volkes, der Chronik und der Dichter, Band 3, München: Verlag der Ratth. Rieger'schen Buchhandlung, 1853; Quelle der Sage: mündlich überliefert.

Vorschaubild: My Lady is a Widow and Childless. Gemälde von Marcus Stone (1840–1921) via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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