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N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Der Teufel in der Schenke

Der Teufel in der Schenke

Carolin Eberhardt

Auch wenn sich der Mensch den Bemühungen hingibt, unerklärliche Ereignisse erklären zu wollen, muss er an mancher Stelle resignieren und feststellen, dass das Beobachtete sich jeder bekannten Logik entzieht. So wird es häufig in moderenen Geistergeschichten dargestellt, in welchen sich der Protagonist plötzlich, und manchmal auch ohne eigenes Verschulden, in einer solchen Situation wiederfindet. Mutmaßungen sind es dagegen in der Realität, wenn Wissenschaftler behaupten, es gäbe keine übernatürlichen Wesen, nur weil sich mit unseren, vielleicht noch zu begrenzenden Mitteln, für deren Existenz keinerlei Beweise finden lassen. Natürlich war der Aberglaube in früheren Zeiten viel stärker inmitten der Bevölkerung ausgeprägt. Doch wie es scheint, nicht nur in der ländlichen älteren Bevölkerung, sondern auch unter den jungen, urbanen Leuten. Oder sind die Studenten wahrhaftig dem Leibhaftigen auf den Leim gegangen?

Carolin Eberhardt

In einem Ort bei Landhut trug es sich einst zu, dass eine Gruppe Studenten in einer Bierschenke versammelt war. In ihrer guten Laune und ihrem jugendlichen Übermut fassten sie einstimmig den Beschluss, dass derjenige, welcher der Bier in die Stube hereinhole, nichts für den Umtrunk bezahlen müsse. »Welch‘ ein verlockendes Angebot«, dachte einer der Kumpane bei sich, und machte sich sogleich ohne großes Aufsehens auf den Weg, um das Bier zu holen. Doch so wie er dir die Tür nur einen Spalt breit geöffnet hatte, so verbreitete sich direkt davor ein so dichter und unnatürlicher Nebel, dass er zurückschreckte und die Tür eilig wieder schloss. Ein ganz vorlauter und frecher, aber auch mutiger, unter den Studenten, belustigte sich sehr über seinen Freund und wollte nun selbst derjenige sein, der seine Zeche auf die Gruppe umlegen wollte. Doch ging er nicht nur zielstrebig auf die Tür zu, sondern musste seinen Auftritt noch mit einem aberwitzigen Kommentar versehen, indem er sagte: «Ei, und wenn der Teufel vor der Türe stände, ich schaffe uns Bier.« Und mit diesen Worten ging er zielstrebig auf die Türe zu, riss sie auf, wurde aber sogleich wie von unsichtbarer Hand erfasst und hinauf in die Luft geschleudert. Mit Schrecken sahen seine Freunde das unheimliche Spektakel, mit Entsetzen hörten sie das jämmerliche Schreien ihres Freundes. Viele Stunden später wurde der so überrumpelte Student weit ab von der Ortschaft wieder auf den Boden abgesetzt. Sein vorlauter Charakter formte sich seit diesem Tage zur Frömmigkeit, später konvertierte er sogar zum christlichen Glauben.

*****

Textquellen:

Neu erzählt von: Carolin Eberhardt in Anlehnung an: Schöppener, Alexander (Hrsg.): Sagenbuch der Bayerischen Land: Aus dem Munde des Volkes, der Chronik un der Dichter, München: Verlag der Matth. Rieger'schen Buchhandlung, 1853.


Bildquelle:

Vorschaubild: Mgla wiosenna, 1897, Urheber: Stanisław Witkiewicz via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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