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Der Feilenhauer von Weißdorf

Der Feilenhauer von Weißdorf

Carolin Eberhardt

Oder: Der Geisterbeschwörer von Weißdorf

Vor langer Zeit lebte einmal ein Feilenhauer in der Ortschaft Weißdorf. In seiner Jugend hatte er den Handwerksberuf erlernt, der sich damit beschäftigte, alte und kaputte Feilen und Raspeln zu reparieren. Doch fasste der Mann eines Tages den Entschluss, sich stattdessen lieber im Handwerk des Geisterbannens zu versuchen. Denn zu seiner Zeit war man an den Anblick eines Gespensts schon beinah gewöhnt, so viele trieben derzeit ihr Unwesen in der Gegend. Kaum war jemand verstorben, dessen Ansehen in der Gemeinde nicht sehr gut gewesen war, so konnte man sich seiner Wiederkehr sicher sein. Einmal geschah es, dass ein Verstorbener noch vor seinem Begräbnis als Poltergeist seine Hinterbliebenen im eigenen Haus heimsuchte. Sogar in den umliegenden Ortschaften trieb er sein Unwesen und ließ sich in jeder Nacht neue Streiche einfallen. Die heimgesuchten Menschen waren in großer Not, und da sich schnell herumgesprochen hatte, dass der Feilenhauer in solchen Fällen der richtige Ansprechpartner war, wandten sich die Heimgesuchten bald mit ihren Anliegen an ihn.

Der Feilenhauer, ein langer, dürrer Mann, zog seinerzeit in zerlumpten Kleidern und mit einem Rucksack auf dem Rücken von Ort zu Ort, um zu helfen. Sein Ruf eilte ihm nach kurzer Zeit voraus, und so kannten alle Anwesenden den Grund für seine Gegenwart, wenn er ein Haus betreten hatte. Stets war er der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit, alle Anwesenden in einer Schenke hefteten ihre Blicke gebannt auf ihn, um zu beobachten, wie er das Schreckgespenst vertreiben wollte. War angekündigt, dass der Feilenhauer kommen würde, so fanden sich an diesem Tage auch erheblich mehr Besucher in dem Gasthof ein. Kurzum: der Feilenhauer war zu einer regionalen Attraktion geworden.

Zu seinem Glück erzitterten selbst die Poltergeister und Dämonen ehrfurchtsvoll bei seinem Erscheinen. Ihm war das Talent zu eigen, dass er nichts weiter zu tun brauchte, als einen Fingerzeig anzudeuten, und schon kroch der Unhold wie auf Befehl demütig in den Rucksack und blieb auch brav darin sitzen. Die eingefangenen Geister aber verbannte der Geisterbeschwörer nach Waldstein, wo sie dazu verdammt waren, in furchtbarer Einsamkeit Zucht, Ordnung und Demut zu erlernen. Jegliches Vergehen wurde sogleich unerbittlich bestraft. Doch hatte der Feilenhauer auch ein Fünkchen Mitleid mit seinen Gefangenen, die in der Einsamkeit und Stille der alten Burg in Gefahr gerieten, dem Wahnsinn anheimzufallen. Und so erlaubte er ihnen das Kartenspiel und fertigte zu diesem Zweck selbst eiserne Karten. Nun saß die Geistergesellschaft regelmäßig an einem Stein auf dem Burghof, welcher Ähnlichkeit mit einem Tisch aufwies und spielten zum Zeitvertreib mit den Karten. Es wird erzählt, dass eben auf diesem Stein noch heute die Spuren der eisernen Karten zu sehen sind.

 

*****

Neu erzählt von Carolin Eberhardt in Anlehnung an: Schöppner, A. (Hrsg.): Sagenbuch der Bayerischen Lande: Aus dem Munde des Volkes, der Chronik und der Dichter, München: M. Rieger'sche Universitäts-Buchhandlung, 1874, S. 182f.

Vorschaubild: Der Nürnberger Feilenhauer Peter Bauernschmied im Jahr 1534, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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