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Arno Pielenz
Kennst du Heinrich von Kleist?

"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss.

Eppelins Ross

Eppelins Ross

Carolin Eberhardt

Nicht ohne Grund fühlen sich Menschen Tieren stark verbunden. Denn ist der Mensch ein echter Tierfreund, so spüren die Tiere dies und können zuweilen eine unglaubliche Treue zu ihrem Herrchen oder Frauchen aufbauen. Nicht nur die Literatur und Filmwelt des 20. Jahrhunderts zeigt genügend Beispiele für dieses Verhalten auf. So zum Beispiel in der anrührenden Geschichte über den Langhaarcollie Lassie, welche erstmalig 1938 als Kurzgeschichte erschien und 1943 auf den großen Leinwänden der Kinos flimmerte. Auch in den 1990er Jahren konnte das Herz des Tierliebhabers bei dem Film „Free Willy“ mitfiebern. Und nicht vergessen werden darf der quirlige und lebensrettende Delfin „Flipper“. Wer selbst ein Haustier besitzt, kann die Loyalität der Tiere, zu der sie fähig sein können vielleicht auch etwas nachempfinden. Oder sehnt sich sogar selbst nach solch einer Tierfreundschaft. Die bayerischen Sagen berichten ebenfalls von einer Begebenheit, in welchem ein Tier sogar das eigene Leben opfert, um seinen Herrn zu retten.

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Vor langer Zeit lebte in der Burg zu Gailenreuth, heute zugehörig zu der Ortschaft Burggaillenreuth, ein Ritter mit seiner schönen Frau und seinen vier Kindern, darunter drei Jungen und ein kleines Mädchen. Doch trug es sich einst zu, dass der Vater, ein standesgemäßer Ritter, in den Krieg ziehen musste und auf Grund einer Gefangenschaft in der Festung zu Nürnberg über lange Zeit nicht wieder heimkehrte.

Eines Tages sah die Müllerin vor ihrer Mühle, der einstigen Sachsenmühle, eine wunderschöne adlig gekleidete Frau mit vier Kindern des Weges entlanggehen. Die drei Jungen sprangen um die Dame wie kleine, wilde Lämmer und genossen den Spaziergang in der Natur in vollen Zügen. Sie kamen aus der Richtung der Burg Gaillenreuth gelaufen und die Dame setzte sich nun auf die Bank vor der Sachsenmühle. Neugierig beobachtete die Müllersfrau weiter die ungewöhnlichen Wanderer. Und so entdeckte sie, dass die Trauer auf dem Gesicht der Adligen beinah größer war als ihre Schönheit. Voller Gram blickte sie vor sich hin und murmelte kaum hörbar: „Springt nur, ihr Kinderlein, ihr seid doch arme Waisen. Euer Vater wird nimmer zurückkehren aus der Haft, vielleicht ist er sogar schon gestorben im Auftrag der Reichsstadt.“ Kaum hatte sie den Satz beendet, da kam ein Mann aus dem Dickicht gehetzt, rannte unversehens zur Mühle hin und klopfte hektisch und eilig an deren kleines Fenster. Dabei rief er aufgeregt: „Brot! Bitte, Brot und Wein und Leinen als Verband! Schnell, schnell! Beeilt euch, verschwendet keinen Moment, jede Sekunde zählt!“

Die erschrockene Müllerin eilte auch sogleich in das Innere der Mühle und brachte, was der aufgebrachte Mann gefordert hatte. Und wie sie wieder an das Fenster trat, um dem Mann die Sachen zu übergeben, da vernahm sie einen lauten Schrei, der von der Burgfrau von Gailenreuth zu kommen schien. Und im gleichen Moment stürzte die Dame, ihren Anstand hatte sie in diesem Moment vergessen, zu dem Ritter und umarmte ihn innig und voller Hingabe. „Eppelin! Mein Eppelin!“ war das Einzige, was sie hervorbrachte. Nun eilten auch schon gleich die Knaben heran, die in dem Mann ihren Vater wiedererkannt hatten und sprangen wild vor Freude an ihm hoch. Das kleine Mädchen klammerte sich an sein Bein. Der wieder heimgekehrte Vater und Ehemann aber starrte sie alle nur kurz an, bevor er sie dann zurückdrängte und an ihnen vorbei mit dem Brot, dem Weinschoppen, noch dazu dem feinen Taschentuch seiner Frau und auch ihrem Schleier, wieder in das Dickicht zurück rannte. Die Burgfrau, die den schönen Namen Hedwig trug, rannte ihrem Gemahl sogleich hinterher, um zu sehen, was er so eilig vorhatte. Und da, wo sich das Gebüsch zum Weg hin öffnete, sah sie nun etwas am Boden liegen, zu dem ihr Mann so eilig rannte. Als sie ein Stück näher heranging, erkannte sie, dass es sich dabei um ein schwer verletztes Pferd handelte. Sie sah wie sich Eppelin direkt neben dem Pferd auf die Knie warf, die Nüstern des Tieres mit dem Wein benetzte und das eingeweichte Brot zwischen dessen Zähne steckte. Dann zerriss er Tuch und Schleier, tauchte sie in den nahegelegenen Fluss und wickelte die getränkten Stoffe um die blutenden Beine des Pferdes. Hedwig und die Kinder standen nun staunend daneben und beobachteten das Vorgehen des Vaters. Nun erkannten sie auch, dass es sich bei dem Pferd um das braune und stattliche Streitross des Vaters handelte, doch war es kaum wiederzuerkennen, so war es von Blut und Schaum bedeckt.

Die Frau fasste sich nun ein Herz und sprach zu ihrem Gatten: „Eppelin! Eppelin! Nach so langer Zeit siehst du deine Familie wieder und stößt sie zugunsten deines Pferdes von dir? Man könnte meinen, dein Ross wäre dir mehr wert als wir.“ Daraufhin wandte sich Eppelin zu ihr um und sprach: „Hedwig, es gibt nirgends nochmal ein Pferd wie dieses. Ihm habt ihr es zu verdanken, dass ihr euren Vater und Ehemann in diesem Leben wieder zu Gesicht bekommen habt. Mutig und ohne zu zögern hat es mich auf seinem Rücken über den Burggraben der Veste Nürnberg getragen. Also kommt her neben dieses treue Tier und erweist ihm die letzte Ehre. Streichelt das treue Ross in seinen letzten Atemzügen.“ Hedwig und die Kinder taten, wie Eppelin ihnen geheißen, setzten sich neben das Ross und streichelten es zärtlich. Doch der Sprung über den Burggraben hatte es zu stark verletzt, seine Sehnen waren gerissen. Seine letzte Kraft hatte nur gereicht, um seinen Herren bis an diese Stelle im Gebüsch zu tragen, bevor es vollends auf dem Boden zusammengesunken war. Noch einmal wieherte das Pferd aus voller Lunge, wandte noch einmal den Kopf seinem Herrn zu, dann erlag es dem Todeskampf und der Kopf des tapferen Tieres sank nach unten. Eppelin aber ließ zu Ehren seines treuen Tieres an dieser Stelle einen Stein errichten.

 

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Bildquellen:

Vorschaubild: Burg Gaillenreuth um 1815, Urheber: Karl August Lebschée via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Kreativzentrum und Gasthaus Sachsenmühle von der B 470 über die Wiesent hinweg gesehen, 2012, Urheber: Aarp65 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Vorburg und, im Hintergrund, der Wohnturm, 2015, Urheber: Derzno via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Textquelle:

Neu erzählt in Anlehnung an: Sagenbuch der Bayerischen Lande: Aus dem Munde des Volkes, der Chronik und der Dichter, A. Schöppener (Hrsg.), Neue Volksausgabe in 3 Bänden, I. Band, München: M. Rieger'sche Universitäts-Buchhandlung, 1874, S. 157 ff.

 

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